Wie die Stimmung kippt

ANALYSE. So zuversichtlich wie heute sind die Österreicher im vergangenen Vierteljahrhundert nie gewesen. Was das für die Politik bedeutet? Vor allem die nach rechts gerückte ÖVP kommt unter Druck. 

Die Stimmung kippt. Nicht ins Negative, sondern ins Positive: So zuversichtlich wie heute sind die Österreicher im vergangenen Vierteljahrhundert nie gewesen. Was diese Aussage stützt, ist dies: Für einen Wirtschaftsbarometer fragt das Meinungsforschungsinstitut Spectra regelmäßig, ob es eher aufwärts oder eher abwärts gehen werde in nächster Zeit. 34 Prozent sagten zuletzt, es gehe eher aufwärts. So viele sind es seit 1992 nie gewesen. Und zwar auch nicht annähernd so viele – 1994 waren es kurz 27 Prozent, 2007 26 Prozent. Das waren die bisherigen Spitzenwerte. Bemerkenswert ist, dass die Stimmung vor zwei Jahren noch ganz anders war: Damals meinten 37 Prozent, es werde abwärts gehen. Das ist mit ein Grund für diverse Wahlergebnisse.

Die jüngsten Werte decken sich mit den Antworten auf die Frage, wie die persönliche Entwicklung eingeschätzt wird (69 Prozent positiv). Und sie decken sich im Übrigen auch mit dem Arbeitsklimaindex, den die AK führt – und in dem die gesellschaftliche Entwicklung ebenfalls immer zuversichtlicher gesehen wird.

Die FPÖ wird sich leichter tun, damit umzugehen. Pessimisten, die sie bedienen kann, gibt es immer.. 

Das wird nicht ohne Folgen bleiben auf die politischen Verhältnisse in diesem Land. Selbstverständlich könnten insbesondere die Regierungsparteien erklären, sie hätten die Österreicher quasi umgestimmt; sie hätten dazu beigetragen, dass die Masse wieder hoffnungsvoll sein könne. Andererseits ist „gute Stimmung“ jedoch Gift für Rechtspopulismus: Wie die ARD sehr eindrucksvoll dokumentiert, betreiben z.B. Kronen Zeitung und Innenministerium regelrechte Panikmache; ein irreführender Bericht suggeriert, dass 20.000 zum Teil gewaltbereite Flüchtlinge auf dem Balkan stehen und nach Norden drängen. Das Ressort selbst hält an Grenzkontrollen fest, obwohl es kaum noch Aufgriffe gibt. Auch das schwarz-blaue Nein zum Migrationspakt wird sinngemäß damit begründet, dass unzählige Menschen ein Recht daraus ableiten könnten, nach Österreich zu kommen und Sozialleistungen auszunützen – womit das Chaos ausbrechen würde.

Acht von zehn Wähler, die meinen, Österreich habe sich eher negativ entwickelt, haben laut SORA-Befragung 2017 FPÖ (49 Prozent) oder ÖVP (30 Prozent) gewählt. Sie bei Laune zu halten, ist schwer; zumal Dankbarkeit keine politische Kategorie ist.

Die Sebastian-Kurz-ÖVP muss zeigen, dass sie auch anders kann; sonst sind ihre Perspektiven eher düster.

Die FPÖ tut sich dabei allerdings leichter. Ein Wählersegment, das pessimistisch ist und auf Panikmache anspricht, gibt es immer. Siehe die 15 Prozent, die nach wie vor meinen, dass es wirtschaftlich eher abwärts gehe. Das viel größere Problem hat die Sebastian-Kurz-ÖVP, die sich u.a. eben auch mit ihrem plötzlichen Nein zum Migrationspakt ebenfalls an dieser Angstmache beteiligt, aber dabei halt kaum so weit gehen kann wie die Freiheitlichen von Heinz-Christian Strache mit ihren Bündnissen mit Ungarn unter Viktor Orban oder Italien unter Matteo Salvini. Sie, die ÖVP, muss vielmehr zeigen, dass sie auch anders kann; sonst sind ihre Perspektiven eher düster.

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Artikel Schlagwörter : ÖVP, FPÖ, Strache, Kurz
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Kommentare

Sg Hr Huber, die Regierung hat etwas erreicht was sie sich zum Ziel genommen hat: Sie hat die Wirtschaftsstimmung im Lande verbessert. Jetzt schreiben Sie, dass das ein Riesenproblem für die Regierung und ein noch größeres für den Bundeskanzler werden wird. Ich bin überzeugt, Herrn Kurz schlottern schon die Knie. Aber vermutlich eher darüber welche Qualitätsstufe inzwischen der Wirtschaftsjournalismus in Österreich erreicht hat.

Bild des Benutzers Johannes Huber

Sehr geehrter Herr oder sehr geehrte Frau Respublica, es ist Ihnen selbstverständlich unbenommen, zu glauben, die Regierung sei für die gute Weltwirtschaftslage verantwortlich, von der erfreulicherweise auch die Österreicher profitieren. Wenn Sie das tun, hat die Regierung immerhin etwas erreicht. Mit freundlichen Grüßen, Johannes Huber

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