Kurz wandelt auf einem schmalen Grat

ANALYSE. Nicht zuletzt, dass er sich weigerte, das Vizekanzler-Amt zu übernehmen und seine Parteifreunde überhaupt schon siegessicher sind, ist nicht ohne Risiko für den designierten ÖVP-Chef; im Gegenteil.

Die ÖVP sollte es eigentlich wissen: Eine Wahl ist erst dann gewonnen, wenn sie geschlagen ist. Und keinen Tag früher. Also gilt es zu kämpfen bis zuletzt. Sonst macht man es den Mitbewerbern gar noch einfach, eine Überraschung zu liefern. Beispiele: 2006 glaubte die ÖVP unter Wolfgang Schüssel, die Sozialdemokraten seien in Anbetracht der ÖGB-BAWAG-Krise aber schon so etwas von hin, dass sie selbst nur gewinnen könne. Zwei Jahre später geschah dasselbe unter anderen Umständen wieder: „Es reicht“, sprach Wilhelm Molterer, kündigte die Koalition auf und meinte, bei der Neuwahl nur erfolgreich sein zu können. Die Ergebnisse sind bekannt; beide Male hat die ÖVP verloren.

„Dazu lernen“ scheint jedoch nicht zu den Stärken dieser Partei zu gehören: ÖVP-Oberösterreichich-Geschäftsführer Wolfgang Hattmansdorfer twitterte schon am Wochenende, als wäre ein Triumph von Sebastian Kurz fix: „#Kern nur mehr so lange Kanzler wie er #Neuwahlen verhindern kann, #Strache Platz ab nun in den Geschichtsbüchern“.

Bei einer solchen Überheblichkeit haben die Mitbewerber zumindest eine Chance.

So sehr Kurz seinen Mitbewerbern Respekt einflößen muss, so sehr können diese folglich auch hoffen: Bei einer solchen Überheblichkeit haben sie zumindest eine Chance. Wobei Kurz ganz offensichtlich etwas zu einem Risiko werden könnte, was ihm bemerkenswert gut gelungen ist: In dem Moment, in dem er die Bühne als designierter ÖVP-Spitzenkandidat betreten hat, macht sich da und dort die Überzeugung breit, dass er Kanzler werden könnte. Und zwar eher als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Was wirklich eine Leistung ist, lag Strache allen Umfragen zufolge bisher doch so gut im Rennen.

Das Problem für Kurz ist nun jedoch, dass Parteifreunde wie Hattmansdorfer umgehend suggerieren, dass die Sache bereits gelaufen sei. Und dass auch ihm noch das eine oder andere zum Verhängnis werden könnte bzw. dass Christian Kern (SPÖ), Strache und Co. noch (fast) alle Zeit der Welt haben, sich in eine für sie bessere Position zu bringen.

Dieser SPÖ-Spin muss natürlich nicht so aufgeben. Aber es ist möglich.

Was Kurz zum Beispiel zum Nachteil geraten könnte, ist sein Rollenverständnis: Obwohl er zu den längst dienenden Regierungsmitgliedern gehört, zählt er aufgrund seines Alters zu denen, die am wenigstens mit dieser Regierung assoziiert werden. Das ist ein Vorteil, kann aber auch ein Nachteil werden: Basiert es doch auch darauf, dass sich Kurz nicht zuletzt bei Ministerratssitzungen rar macht. Stärker noch gilt das für seine Weigerung, als designierter ÖVP-Chef und –Spitzenkandidat für die Übergangszeit das naheliegende zu sein: Vizekanzler. Das Kalkül, das dahintersteckt, ist durchschaubar: Kurz ist zwar Teil dieser Koalition, will aber nicht zu sehr mit ihr in Verbindung gebracht werden. Ja, er macht sich insofern angreifbar, als er sich unterstellen lässt, dass ihm dieser Posten nicht genug sei; dass er, wenn, dann also nur den Kanzler mache. 

Dieser SPÖ-Spin muss natürlich nicht so aufgeben. Aber es ist möglich. Wie überhaupt alles ganz anders kommen kann. Und genau das untermauert, dass eine Wahl eben erst dann gewonnen ist, wenn sie geschlagen ist.

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Artikel Schlagwörter : ÖVP, Kurz, SPÖ, Kern, FPÖ, Strache
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