Kern bringt Kurz möglicherweise nur noch größer raus

ANALYSE. Das Kanzlerdilemma: Wie umgehen mit dem wichtigsten Mitbewerber? Die ersten Versuche sind riskant und zum Teil auch schon gescheitert.

Soll man einen Mitbewerber ignorieren? Wenn alle anderen auf diesen fixiert sind und man es nicht und nicht schaffen will, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dann ist das unmöglich. Dann kann man eigentlich nur reagieren und ihn herausfordern. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat das vergangene Woche im Umgang mit Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) einmal mehr versucht. Dessen Forderung, die „Mittelmeerroute“ für Flüchtlinge zu schließen, bezeichnete er bekanntlich als „populistischen Vollholler“. Viel gebracht haben dürfte ihm das jedoch nicht.

Um einen Mitbewerber wie Kurz kann man den Kanzler nicht beneiden, scheint das Match doch schon aus zwei, drei grundsätzlichen Gründen schier aussichtslos zu sein: Kern ist Regierungschef und steht und fällt damit auch automatisch ein Stück weit mit der Großen Koalition. Dass ihm das Leben vor allem vom Koalitionspartner schwer gemacht wird, tut dabei nicht viel zu Sache: Er ist der Chef. Das ist, wenn man so will, ein undankbares Schicksal. Kurz dagegen kann sich als Außenminister immer wieder in die weite Welt (oder auch nur in sein Ressort) verabschieden; er trägt eben nicht die Verantwortung für den rot-schwarzen Zustand. Und damit spielt er.

Kerns erster Versuch, den 30-Jährigen zur Verantwortung zu ziehen, scheiterte kläglich. Natürlich hätte einiges dafür gesprochen, dass Kurz als ÖVP-Chef auch das Vizekanzleramt übernimmt. Wenn er sich weigert, kann Kern jedoch nichts machen. Und genau das wurde bei dieser Geschichte auch offensichtlich: Die Ohnmacht des Kanzlers; er wurde vorgeführt.

Das Problem geht jedoch noch weiter: Wie eine „Google Trends“-Auswertung für die vergangenen Wochen zeigt, haben sich die Österreicher fast durchwegs mehr für Kurz als für Kern interessiert. Und das ist ganz offensichtlich nicht nur auf den Charme des Neuen zurückzuführen. Dieser allein hat sich nach seinem Amtsantritt im Mai bald wieder gelegt (siehe Grafik).

Auf „Google Trends“ ist es möglich, das Ausmaß der Suchanfragen und damit auch gewissermaßen das Interesse für Christian Kern und Sebastian Kurz auszuwerten. Wobei Kurz am Wochenende, an dem er die Nachfolge von Reinhold Mitterlehner antrat, den Maximalwert erreichte; einen Referenzwert von 100 nämlich. Dieser Wert ist nach wenigen Tagen wieder auf etwa fünf gesunken, ein Zwanzigstel also. Kerns Wert, der in Relation dazu steht, lag in der Regel darunter. Nur einmal war er - mit bis zu neun - höher: von 9. bis 11. Juni. Damals trat er nicht nur auf dem "Life Ball" auf, sondern ließ auch ein Video veröffentlichen, das ihn als Privatperson und Vater zeigt. Einen Beweis für einen Zusammenhang damit gibt es nicht; die Auseinandersetzung damit im Internet lässt jedoch den Schluss zu.

Seit 12. Juni ist laut „Google Trends“ das Interesse für Kurz aber schon wieder größer. Wobei es auf das vergangene Wochenende hin auch noch einen signifikanten Sprung auf einen Wert von 17 genommen hat, während der Wert für Kern nur minimal auf drei gestiegen ist. Das ist bemerkenswert: Zumal es ansonsten - außer einem Kurz-Auftritt in der Ö3-Sendung "Frühstück bei mir" am Sonntag - keinen Anlass dafür gegeben haben kann, kann man annehmen, worauf das auch zurückzuführen ist: Kerns Bezeichnung für Kurz’ Mittelmeerschließungsforderung („populistischer Vollholler“).

Was zweierlei bedeuten kann: Viele Österreicher teilen die Kritik von Kern und beschäftigen sich nun umso intensiver mit Kurz. Oder aber Kern hat Kurz nur noch attraktiver gemacht und ihn quasi größer raus gebracht. Selbst ist er jedenfalls kaum vom Fleck gekommen. Und schon allein das zeigt, wie riskant dieser Umgang mit dem wichtigsten Mitbewerber ist.

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Artikel Schlagwörter : SPÖ, ÖVP, Kern, Kurz
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Kommentare

Reine Spekulation: Schaut man sich die Kurven für die Nationalratswahl 2013 mit den damaligen Spitzenkandidaten an, wird ersichtlich, dass demnach Strache haushoch hätte gewinnen müssen! Aufmerksamkeit über Google Trends ist noch lange kein Wahlergebnis! https://trends.google.at/trends/explore?date=2013-01-01%202013-12-31&geo...

Bild des Benutzers Johannes Huber

Sehr geehrter Herr Fritz, dass Google Trends-Ergebnisse kein Wahlergebnis sind, steht ausdrücklich nicht im Text. Mit freundlichen Grüßen, Johannes Huber

Um das Ganze in Relation zu bringen, hier der Vergleich mit Helene Fischer und Fidget Spinner: http://i.imgur.com/WEevbvZ.png

;-)

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